Der Nutzen von Styropor

Zum Thema Fahrrad-“Helme” habe ich mich ja vorher schon geäußert. Kurz: Ich halte nichts davon. Eine hohe freiwillige Tragequote könnte nur eines Tages als “Akzeptanz” gewertet werden und von Politikern, die lieber so tun, als würden sie ein Symptom bekämpfen, als dass sie sich des eigentlichen Problems (durch Erhöhung der Verkehrssicherheit für alle Verkehrsteilnehmer, z. B. durch flächendeckendes Tempo 30 in Städten) annehmen, zu einer Helmpflicht genutzt werden. Damit würde dann vermutlich weniger radgefahren und dadurch die Unfallgefahr steigen (je mehr Radfahrer unterwegs sind, desto eher rechnen andere Verkehrsteilnehmer mit ihnen). Wenn denn diese Styroporkappe wenigstens einen Nutzen hätte — aber, wie oben schon verlinkt, davon gehe ich nach Sichten der verfügbaren Informationen nicht aus.

Nundenn, es ist inzwischen einige Zeit her, dass in einer entsprechenden Diskussion eine Freundin meinte, dass sie lieber einen Helm trage; der werde unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie empfohlen, und die müßten doch wissen, warum sie das tun.

Ich muss zugeben: Irgendwie hat sie Recht: Eigentlich müßten die wissen, was sie tun. Nun sind Ärzte — auch Neurochirurgen — keine Verkehrs- oder Unfallforscher. Sie bekommen in ihrer beruflichen Praxis ein Zerrbild der Unfallgeschehen in der realen Welt mit, da sie nur die Fälle mit Verletzungen zu Gesicht bekommen. Sie wissen per se erstmal nicht, wie der Anteil der radhelmtragenden Patienten zum Anteil im normalen Verkehrsgeschehen steht. Sie wissen per se erstmal nicht, ob Menschen, die freiwillig einen Radhelm aufsetzen, aus anderen sozialen Gruppen kommen oder sich auch in anderen Dingen anders verhalten als Menschen, die genauso freiwillig darauf verzichten. Sie können auch — ohne entsprechende Maßnahmen — nicht verhindern, dass ihre eigene Erwartungshaltung den Blick für die Fakten vernebelt. Das heißt aber natürlich nicht, dass man sich als Arzt nicht wissenschaftlich sauber mit diesen Themen auseinandersetzen könnte, mit Statistiken, welche diese Art von Fehlern vermeiden, mit Blind-, Doppelblind und Dreifachblindverfahren. Und wenn die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie Radhelme empfiehlt, dann wird sie das ja wohl getan haben. Und da es sich um Neurochirurgen handelt, wird es wohl auch nicht um Platzwunden oder ähnliche oberflächliche Verletzungen gehen, sondern um das, was die meisten Helmträger versuchen, mit ihrem Helm zu verhindern: Hirnschäden.

Also, die Anmerkung hat mich dann doch interessiert. Auf den ersten Blick war es gar nicht so einfach, diese Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie überhaupt in freier Wildbahn nachzuweisen. Aber nach etwas Suchen konnte ich dann finden, dass die Empfehlung offensichtlich bei der Jahrestagung 2007 ausgesprochen und an die Presse gegeben wurde. Und außerdem war es keine Empfehlung, sonder die Forderung nach einer Helmpflicht. Nundenn, umso stichhaltiger müssten ja die wissenschaftlichen Grundlagen sein. Die Forderung wurde vom damaligen stellvertretenden Vorsitzenden Prof. Andreas Unterberg aufgestellt, der heute den Vorsitz der der Gesellschaft hat. Am 30.01.2009 wollte ich es also von der Geschäftsstelle der Gesellschaft genau wissen:

[...]

Ich gehe davon aus, dass Sie das auf der Basis solider Zahlen
gefordert haben, und möcht Sie deshalb bitten, ob Sie mir vor
diesem Hintergrund folgende Fragen beantworten können bzw. mir
die von Ihnen benutzte Informationsquelle nennen können, so
dass ich hier selbst weiter nachforschen könnte:

 *) Welchen Anteil and den 300.000 jährlichen Schädel-Hirn-Trauma-
    Patienten haben Radfahrer? Wie sieht dies mit den 15.000 Patienten
    aus, die auf einer Intensivstation versorgt wurden bzw. mit den
    30-40%, die versterben?

 *) Wie teilen sich im Vergleich die verbleibenden Patienten
    auf (andere Verkehrsarten, Haushalt, ...)?

 *) Haben Sie Zahlen, die diese Gesamtzahlen auf die Expositionszeit
    beziehen (also eine Unfalleintrittswahrscheinlichkeit pro
    Expositionszeit angeben)? Wie unterscheidet sich hier das Risiko
    von Radfahrern gegenüber dem anderer Gruppen, insbesondere bei
    den Intensivbehandlungen und Todesfällen?

 *) Welche Unterschiede ergeben sich durch die Verwendung von
    Radhelmen, in welchem Umfang und bei welchen Unfallschweren
    gibt es durch diese eine Schutzwirkung?

 *) Wie kann bei evtl. zu beobachtenden Schutz-Effekten
    ausgeschlossen werden, dass diese aus unterschiedlichen
    Teilpopulationen resultieren (dass z. B. Helmträger per se
    sicherheitsbewußter sind und insgesamt weniger Risiken
    eingehen - gibt es z. B. Zahlen, dass bei den betrachteten
    Teilpopulationen die Verletzungwahrscheinlichkeit und
    -schwere an anderen Körperteilen, die "unbehelmt" sind,
    nicht signifikant unterschiedlich sind)?

[...]

Zugegeben: Die Fragen waren etwas detailliert. Andererseits dürfte man bei diesem Thema davon ausgehen, dass es eine Standardantwort gibt, die so eine Geschäftsstelle — und wenn nicht die, dann der Herr Professor selbst — durch kopieren und einfügen in einfacher Weise verschicken kann. Nun, gerade einmal gut zwei Monate und eine handvoll Nachfragen später habe ich dann auch eine Antwort bekommen:

Herr Professor Unterberg hat mir vor kurzem mitgeteilt, dass er keine 
Anfragen mehr zum Thema "Helmpflicht..." beantworten kann.

Schade. Wobei unklar bleibt, ob das Nicht-beantworten-Können auf mangelnden Willen oder ein Unvermögen hinweist.

Nun, ich habe diese Antwort als Anlaß genommen, noch einmal ein wenig das Netz zu durchsuchen. Und tatsächlich bin ich fündig geworden. Und damit meine ich nicht, dass sich die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie schon 2007 nicht mehr zu ihrer Forderung äußern wollte. Nein: Im Jahr 2004 wurde auf der 55. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie tatsächlich eine Studie zu Radhelmen vorgestellt. Das Ergebnis: “There was no significant difference concerning the level of head-trauma due to bicycle accident between cyclists wearing a helmet and others.” (“Es gab keinen signifikanten Unterschied bzgl. der Stärke des Kopftraumas aufgrund von Fahrradunfällen zwischen Radfahrern, die einen Helm trugen, und anderen.”)

 

Eine Frage bleibt aber leider nach der ganzen Zeit unbeantwortet: Warum spricht sich die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie für eine Fahrradhelmpflicht aus?

Trackback URL for this post:

http://www.lithe.de/trackback/91

Styropor aktuell

Nur schnell ein paar Links:

Zur Forderung der Gesellschaft für Neurochirurgie vor zwei Jahren nach einer Hempflicht für Radfahrer hat Jan Niklas Fingerle nachgefragt, worauf sie denn beruhe. Ergebnis: dazu möchte man nichts sagen. Auf rationale Argume…

Styropor aktuell

Nur schnell ein paar Links:

Zur Forderung der Gesellschaft für Neurochirurgie vor zwei Jahren nach einer Hempflicht für Radfahrer hat Jan Niklas Fingerle nachgefragt, worauf sie denn beruhe. Ergebnis: dazu möchte man nichts sagen. Auf rationale Argume…